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Der Tagesanzeiger, Schweiz -14.1.00

 

Don´s Plum - der Film, den DiCaprio vor uns verbergen will

Demnächst hat "The Beach" Premiere, das neue Star- Vehikel für Leonardo DiCaprio. Im Internet spriessen derweil die Gerüchte über einen Film von 1996, den DiCaprio bisher erfolgreich unter- drückt. Über die Macht eines Popstars.

Von Thomas Kramer

Leonardo DiCaprio ist ein netter junger Mann. Beim Fernsehinterview vor zwei Jahren, als "Titanic" in die Kinos kam und Leonardo bereits auf der Abschussrampe Richtung Superstartum sass, war er witzig und freundschaftlich, professionell und verbindlich. Redete zuerst ein bisschen über Musik, dann übers Schauspielern, später übers Sichselberbleiben angesichts der wachsenden Berühmtheit.

Ein junger Mann, zufrieden mit sich und dem Lauf der Welt. Gleichermassen Promi wie Bengel, Filmstar wie Lausbub. Am Ende der 20 Minuten in diesem Londoner Hotelzimmer stand er auf und hieb dem verdutzten Journalisten die Hand auf die Schulter.

Keine Exzesse, keine Orgien

Keiner ausser Leonardo DiCaprio selbst weiss, wie er die folgenden Monate er- und überlebt hat. Wir Normalsterbliche können uns nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn die Pop-Hysterie über einem zusammenbricht wie eine endlose Reihe von Viermeterwellen im Atlantik. Der junge Mann, damals 23, zierte ja nicht nur monatelang die Titelseite von Abertausenden Hochglanz- und Intellektuellenmagazinen dieser Welt, er wanderte im Posterformat in die Mädchenzimmer rund um den Globus und wurde in keiner Talkshow, keinem anderen Medienkontakt mehr als Mensch, sondern nur noch als Projektionsfläche behandelt. Wie sich so was auf den Freundeskreis auswirkt, auf die zwischenmenschlichen Kontakte, auf die man als Mensch bekanntlich angewiesen ist, ist schwer abzuschätzen. Immerhin scheint DiCaprio das Ganze unbeschadet überstanden zu haben. Keine Drogenexzesse wurden bekannt, keine wilden Orgien publik. Er entzog sich auch erfolgreich dem Druck, bald ein neues Grossprojekt in Angriff zu nehmen, das im Vergleich zu "Titanic" zwangsläufig ein "Abschiffer" werden musste.

Doch am 3. Februar in Malaysia, acht Tage später in den USA und irgendwann im Frühling auch in der Schweiz ist das Warten für DiCaprio-Fans nun endlich vorbei. Dann nämlich kommt "The Beach" ins Kino, die Verfilmung des gleichnamigen Romans des jungen Briten Alex Garland. Wie "Titanic" ist auch "The Beach" ein Projekt der 20th Century Fox. Bereits wird spekuliert, wie sich das Aussteigerdrama auf Leonardo DiCaprios Image, seinen Status als Hollywoods mit Abstand kassenträchtigster Jungstar auswirken wird.

Aus Freundschaft wird Feindschaft

Mit Blick auf "The Beach" ist schon wieder so etwas wie DiCaprio-Hysterie zu beobachten. Dies nicht nur in den englischsprachigen Jugendzeitschriften, sondern auch im Internet. Dort hat in den vergangenen Wochen eine Debatte neuen Auftrieb erhalten, die bereits seit zwei Jahren köchelt. Es geht dabei um einen Low-Budget-Schwarzweiss-Film aus dem Jahr 1996, in dem Leonardo DiCaprio mitspielt, den er seit seinem Durchbruch mit "Romeo and Juliet" aber zurückzubinden versucht. Mit juristischen Mitteln ist ihm respektive seinem Management das bisher gelungen.

"Don's Plum" heisst der Film, nach einem Restaurant im San Fernando Valley, in dem die ganze Handlung angesiedelt ist. (Das Lokal wurde seither verkauft und trägt nun einen anderen Namen.) Amerikanische Branchenkenner, die den Film gesehen haben, beschreiben ihn als ungeschliffenes, halb improvisiertes, oft überdrehtes Freundschaftsdrama. Es geht um eine Gruppe junger Männer, die zusammen mit ihren Freundinnen im "Don's Plum" abhängen, Alkohol trinken, übers Saufen, über Drogen und Selbstbefriedigung sprechen, sich gegenseitig hochnehmen und die Sau rauslassen. Wie wenn John Cassavetes ein Generation-X-Drama gedreht hätte, schrieb einer der Zuschauer. Ein Film fast ohne Action - einmal allerdings wirft Amber Benson ihre Birkenstocksandale nach Leonardo Superstar -, der ganz auf den mehrheitlich improvisierten Dialogen beruht.

Gedreht wurde in wenigen Nächten im Juli 1995, kurz bevor DiCaprio in New York für "Marvin's Room" vor der Kamera stand. Neben Leonardo spielte auch Tobey Maguire mit, der seither dank Ang Lees "The Ice Storm" und Woody Allens "Deconstructing Harry" Karriere gemacht hat. Maguire und DiCaprio sind Freunde, seit sie 12 oder 13 waren. Ein Freund war auch der Schauspieler R. D. Robb, der bei "Don's Plum" erstmals Regie führte. Offenbar spielten DiCaprio und Maguire mit, um als damals bereits halbwegs prominente Darsteller dem Jungregisseur und den anderen beteiligten Nachwuchsakteuren beim Karrierestart zu helfen. Ihre Gage betrug läppische 575 Dollar pro Tag (andere Quellen sagen, dass alle gratis gespielt hätten). Im März 1996 wurden noch einmal ein paar zusätzliche Szenen gedreht.

Am 21. Juni 1996 kam die Crew im Hauptquartier der Filmgesellschaft MGM / United Artists zusammen, um der geschlossenen Premiere beizuwohnen. Übereinstimmenden Zeugenaussagen gemäss war DiCaprio echt begeistert von dem Film. Doch im folgenden Monat hat er seine Meinung geändert, und offenbar spielt dabei auch Maguire eine wesentliche Rolle. Die beiden überwarfen sich aufs Heftigste mit Jungregisseur Robb, obwohl sie seit mehreren Jahren befreundet waren. Die genauen Gründe bleiben vorderhand unklar. Ein Aspekt jedoch ist sicher: "Don's Plum" passt mit seinem pubertären Gestus schlecht zum eher sauberen Image von DiCaprio und Maguire, zumal in jener Periode klar wurde, dass beide auf dem Weg waren, richtige Stars zu werden. Vermutlich haben die Managements der beiden Darsteller sich aus Gründen der Vermarktbarkeit auch in diese Richtung geäussert.

In der Folge haben Maguire, DiCaprio und ihre Agenten jedenfalls alles getan, um den Film zu stoppen. Im November 1996 hätte er in Sundance beim wichtigsten Independent-Film-Festival der Welt laufen sollen, doch das haben die Vertreter von DiCaprio und Maguire anscheinend unter Aufbietung schwerer Drohungen verhindert. In jenen Monaten kam es zudem zu hässlichen Szenen, bei denen die zwei Schauspieler den Regisseur mehrmals öffentlich beleidigt und offenbar härtestes Mobbing betrieben haben. Infolgedessen wurde Regisseur Robb, obwohl sich mehrere der wichtigsten Talent-Agenturen für ihn interessiert hatten, von allen fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel, nachdem jeweils die Agenten von DiCaprio und Maguire vorgesprochen hatten. Robb hat bis heute nur noch drei unbedeutende Filmrollen gespielt und Regieprojekte hat er keine mehr.

Im März 1997 wollte die Firma Miramax "Don's Plum" kaufen und in die Kinos bringen, doch die Abgesandten der beiden Schauspieler wussten auch das zu sabotieren, indem sie anscheinend mit Schadenersatzklagen drohten und sagten, die Produzenten seien gar nicht berechtigt, den Film zu vertreiben.

Die Multi-Millionen-Dollar-Klage

Im April 1998 wurde es dem Koproduzenten David Stutman dann zu bunt, und er reichte im Namen seiner Firma Polo Pictures Entertainment eine Multi-Millionen-Dollar-Klage gegen DiCaprio, Maguire und gegen unbekannte Mitverdächtige ein. Schliesslich wollten die Produzenten ihre Ausgaben in sechsstelliger Dollarhöhe wieder eintreiben, was ihnen unmöglich ist, solange der Film nicht ausgewertet werden kann. 1999 erzielten die Parteien eine aussergerichtliche Einigung, über die nichts bekannt ist. Infolge dieses Rechtshandels ist die Auswertung von "Don's Plum" in den USA und Canada untersagt.

Doch mittlerweile sind DiCaprio-Fans und -Hasser aktiv geworden, haben grosse Auszüge von Stutmans Anklageschrift und andere Dokumente im Faksimile ins Internet gehängt und damit schlafende Hunde geweckt. Angeblich bemühen sich nun Verleiher in Japan, Neuseeland und anderen Ländern, den Film freizukriegen. Und den Website-Betreibern mit den meisten Informationen über den Fall werden die Türen eingerannt.

Ob "Don's Plum" je ins Kino gelangen wird, ist unsicher. Doch die Filmgeschichte lehrt, dass praktisch jeder umstrittene Film irgendwann zumindest auf Video zugänglich wird. Und wie der Autor einer Website prophetisch anmerkt: "Dann dauert es wohl etwa zwei Stunden von der Veröffentlichung des Videos bis zum Zeitpunkt, wo ganze Szenen des Films im Internet verfügbar sind."

Das Theater um "Don's Plum" ist eine exemplarische Fallstudie für die Macht, die im Hollywood-System einem Kassenmagnet zukommen kann. Wegen seiner Marktträchtigkeit, an der ganze Firmen mitverdienen, stehen ihm vielfältige Einflussmöglichkeiten offen, und zur Wahrung seines Images wird eine regelrechte Maschinerie in Gang gesetzt.

Doch ebenso exemplarisch lässt sich daran ablesen, wie sehr die Neuen Medien den Charakter von Öffentlichkeit verändert haben. Denn langfristig gibt es wohl keine Chance, "Don's Plum" tatsächlich zu unterdrücken. Und die individuelle Macht einiger Internet-Freaks hat überhaupt erst zu Stande gebracht, dass über den Fall jetzt wieder öffentlich debattiert wird.