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MarieClaire - November 2000

 

"Ich bin der Boss!"

Gisele Bündchen raucht wie ein Kerl - doch bei ihrem Anblick kriegen die Männer reihenweise weiche Knie. Claudia Bodin traf das Top-Model in ihrer neuen Heimat New York

 

"Linda, linda..." stammelt der junge Mann, "voce e linda" - "Du bist so wunderschön." Er spitzt die Lippen, schleudert ein paar leidenschaftliche Luftküsse und verabschiedet sich mit den Worten: "Ganz Brasilien ist stolz auf dich."

"Danke schön!" ruft ihm Gisele Bündchen hinterher. Wir sitzen im Restaurant "Bubby´s", ganz in der Nähe ihrer Wohnung im New Yorker Künstlerviertel TriBeCa. "Meine Landsleute erkennen mich überall", erklärt die 20jährige mit einer Stimme, die so klingt, als hätte sie sich gestern auf dem Fußballplatz die Seele aus dem Leib geschrieen. Wenn sie in ihrer Heimat Sao Paolo die Straße betritt, kommt es nicht selten zu Massenaufläufen oder Auffahrunfällen.

"Ich verstehe das nicht, privat sehe ich doch gar nicht so aus wie Gisele," meint sie, rückt die dunkle Sonnenbrille zurecht und inhaliert den Rauch ihrer Zigarette wie ein Bauarbeiter. "Schließlich bin ich eine Meisterin in Sachen Verkleidung." Nun ja, was man so unter Tarnung versteht: Khakihose und Gesundheitsschlappen. Dazu ein bauchfreies, tief ausgeschnittenes Top, das ahnen lässt, warum Männer bei ihrem Anblick glasige Augen bekommen und Fotografen bei den Pariser Modenschauen auf T-Shirts und Flugblättern fordern: "Befreit die beiden Giseles!"

So dürr wie viele ihrer Kolleginnen wirkt das Model zwar nicht. Bei gertenschlanken 1,79 Metern jedoch gleich von einem Kurvenwunder zu schwärmen, ist ein wenig übertrieben. Dafür strahlt die Brasilianerin mit den deutschen Vorfahren Natürlichkeit und Frische aus. Anstatt zickig über den Laufsteg zu staksen, schwingt sie selbstbewusst die Hüften. Und das kostet: Gisele Bündchens Jahresverdienst wird auf zehn Millionen Mark geschätzt. "Früher wechselten sich zehn Supermodels auf den Covers ab - heute bin meistens ich es", sagt sie und lässt ein dröhnendes Lachen hören. Dann redet sie los, ohne Punkt und Komma, erzählt vom Beginn ihrer Karriere, damals mit 16 in New York, als keiner sie buchen wollte, weil gerade der Heroin-Chic angesagt war. Den von der Agentur verordneten Englischunterricht schmiss sie nach zwei Tagen, weil "alles wie Chinesisch klang" und sie vor lauter Stress Kopfschmerzen bekam. Stattdessen kaufte sie CDs und sang die englischen Songtexte nach. Den Rest lernte sie von ihrem späteren Freund, dem Model Scott Barnhill.

"Ich musste schnell erwachsen werden und mit mir selbst klar kommen", sagt sie rückblickend. "Lange Zeit gab es niemand, dem ich trauen konnte." Nach ihrer ersten europäischen Fashion-Show 1996, bei der Alexander McQueen die Models auf dem Laufsteg klitschnass regnen ließ, hielt sie die ganze Modewelt sowieso für ein Irrenhaus - und beschloss, die Regeln in ihrem Job selbst zu bestimmen.

Ein anderer Haarschnitt und transparente Klamotten auf dem Laufsteg kommen für sie nicht in Frage. "Ich bin der Boss," stellt Gisele klar. "Ich möchte nicht nach der Arbeit weinend zu Hause sitzen, weil ich mir selbst fremd bin." Sollen doch die anderen rätseln, wie die Laufstegschönheit und das Mädchen mit den Macho-Allüren zusammenpassen. Sich durchzusetzen hat die Tochter eines Autors für Selbsthilfebücher und einer Bankangestellten schon im Elternhaus in dem südbrasilianischen Nest Horizontina gelernt. Gisele wuchs mit fünf Schwestern auf, wer zu Hause den Mund hielt, ging unter. Damals träumte Gisele von einer Karriere als Profi-Volleyballerin oder Tierärztin. Bis sie mit 14 in einem Shoppimg-Center entdeckt wurde und nach Sao Paolo zog, um nach den Schulstunden als Model zu arbeiten. Während ihre Zwillingsschwester Patricia ganz brav in Brasilien Public Relations studiert, jettet Gisele Bündchen um die Welt, pendelt in der Freizeit zwischen ihrem Wochenendhaus in Woodstock und dem zweistöckigen Appartment in TriBeCa. Ein Leben voller Parties und Begegnungen mit Promis wie Leonardo DiCaprio, die sich darum reißen, an ihrer Seite zu sein. Wer würde da nicht völlig abheben? Doch trotz allem wirkt das Model immer noch erstaunlich normal.

Bislang ließ sich ihre Familie nicht in New York blicken. Dafür reist Gisele zweimal im Jahr nach Brasilien und hat sich in Manhattan ein Stück Heimat geschaffen: einen Dschungel mit Palmen, Bäumen, einem Aquarium mit 28 Fischen und ein Chamäleon: "Ich mag Tiere, weil sie nicht reden und bei mir bleiben," sagt sie. Wenn Yorkshireterrier-d Dame Vida nicht wie heute von Giseles Assistentin zum Hundefriseur gebracht wird, begleitet sie Frauchen überall hin. Ob ins Restaurant oder auf Reisen. Vida sei ihre beste Freundin, schwärmt Gisele über die Handvoll Hund, die sie wie ein Baby bemuttert: "Ein gutes Training, weil ich später garantiert viele Kinder haben werde."

Unvermutet offenbart das Mädchen mit den starken Sprüchen dann doch seine weichen Seiten: "Ich glaube, dass ich einen Schutzengel habe, und bete jeden Abend zu Gott." Viele Freunde kennt Gisele bereits aus Zeiten, als sie noch nicht das Super-Model war. Die meisten sind mindestens zehn Jahre älter als sie - und männlich. Auf "Mädchentratsch über die neueste Fendi-Tasche oder abwesende Konkurentinnen" steht sie nun mal nicht. Von ihrem Freund Scott trennte sich Gisele vor einigen Monaten. Sie wollte sich nicht immer rechtfertigen müssen, wenn es bei einem Job später wurde. Sie sei bstimmt keine Frau, die sich für eine Beziehung aufgibt, erklärt sie und ruft: "Das Leben soll Spaß machen!" Und dann noch etwas lauter, damit es auch alle mitkriegen: "DasLeben ist ein Riesenspaß, Leute - und verdammt gut zu mir!"

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