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Cinema - März 1997

 

Baz Luhrmann´s Romeo& Julia - der ultimative Shakespeare für die Neunziger

 

Collage von Brian Lundin

 

von Caroline Streck

Der Mann war ein begnadeter Entertainer. Einer, der das Publikum mit aufwühlenden Sex- and Crime Stories königlich zu unterhalten wusste. Sein Name: William Shakespeare. Seit über 400 Jahren feiert man den Sohn eines Handschuhmachers als Superstar unter den Dichterfürsten. Abertausende Male wurden und werden seine Stücke auf allen namhaften Bühnen dieser Welt rauf und runter gespielt. Kinoversionen von Shakespeares Dramen und Komödien gibt es ebenfalls wie Sand am Meer.

Verständlich, dass die Major-Studios in Hollywood zunächst müde abwinkten, als der australische Filmemacher Baz Luhrmann (seit "Strictly Ballroom" als Down-under-Wunderkind gefeiert) seine x-te Version von "Romeo & Julia" anpries. Anpreisen musste. Und zwar wie Sauerbier. Das ultimative Liebesdrama für Play-Station-daddelnde 90er-Jahre Kids? Zu allem Überfluss auch noch sklavisch genau in der ursprünglichen Versform gehalten? "Nun flieh gen Himmel, schonungsreihe Milde! Entflammte Wut, sei meine Führerin!" Wie, bitte schön, soll den das an der Kinokasse funktionieren? Jetzt sitzen die Geldgeber hochzufrieden in ihren Büros und zählen die Penunzen: "William Shakespeare´s Romeo & Julia" hat in den USA innerhalb von zwölf Wochen rund 46 Millionen Dollar eingespielt. Was nicht nur eine respektable, sondern eine geradezu sensationelle Ausbeute ist. Echt cool.

Wie Luhrmann die Teenies (und nicht nur die) in die Kinos lockt und vom Hocker haut? Seine Strategie ist so einfach wie genial: Der Regisseur entfesselt mit "Romeo & Julia" einen postmodernen Bildersturm, der in Tornadogeschwindigkeit durch die Gehirnwindungen der Zuschauer fegt. Mit wimpernschlagschnellen Schnittorgien und enthemmter Kamera - "Es gibt beim Filmen nur eine Todsünde: zu langweilen" - erzählt Luhrmann die wilde Geschichte der rivalisierenden Clans der Montagus und Capulets. Skinheads, Latinos im 70er Jahre Outfit und Drag-Queens bekriegen sich auf den Strassen von Verona Beach. Sie kurven in aufgemotzten Cabrios durch die pulsierende Metropole und ballern die Magazine ihrer halbautomatischen Nobelwummen leer. Inmitten dieses urbanen Infernos finden sich Romeo (ultralässig: Leonardo DiVaprio) und Julia Capulet (ein Traum: Claire Danes) und verfallen einander. Leidenschaftlich. Bis zum bitteren, tragischen Ende.

Love-Story, optisches Feuerwerk, MTV-Clip und werkgetreue Literaturverfilmung: Luhrmann hat das Kunstwerk vollbracht, den Klassiker unter den Klassikern kompromisslos neu zu deuten. "Romeo & Julia" ist eine brutale Liebesgeschichte und ein lyrischer Gangsterfilm, in dem - Sondermeldung! - nicht einmal das Wort "Fuck" fällt.

 

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