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Cinema - August 2001

Portrait Johnny Depp

von Roland Huschke

Gesucht wird: Johnny Depp

Er ist die perfekte Sex-Ikone. Doch lieber spielt er Menschenkinder mit tellergroßen Augen. In BLOW gibt er jetzt den netten Drogenboss von nebenan. Wer ist der Mann hinter diesen Rollen?

Jedes Jahr schicken sie ihm unaufgefordert den Oscar-Stimmzettel ins Haus. Ausgefüllt hat er das Formular nie, in dem Schauspieler wie Rennpferde bewertet werden. Von solchen Dingen verstehe er nichts, sagt John Christopher Depp III. Und staunt, als er hört, dass Juliette Binoche, seine Kollegin aus "Chocolat", für "Der englische Patient" prämiert wurde. Dieses Missgeschick könne ihm nicht widerfahren, da ist er sicher. "Mich halten sie für den Typen, der seltsame Filme macht", schmunzelt er. So einer bekommt keine Oscars. In einem bald 20-jährigen Berufsleben, das er des kalten Klangs wegen nur ungern als "Karriere" bezeichnen mag, hat Depp bisher auch andere Erfolgsinsignien abwehren können. Weit und breit kein 100-Millionen-Dollar-Hit. Keine Bruckheimer-Action-Prostution oder ein zertrampelter Stern auf dem Hollywood Walk of Fame. Dagegen steht keine Sekunde in Frage, dass der 38-jährige in der Filmwelt etwas genießt, was in seiner Generation sonst nur Sean Penn für sich in Anspruch nehmen kann: Respekt.

Von den Fans bis zu den Filmschaffenden lieben die Leute Johnny Depp seit seiner ersten Hauptrolle in "Cry-Baby" (1990). Keine Selbstverständlichkeit. Wer mal ganz spießig Bilanz zieht, wird jede Menge fragwürdiger Zeugnisse in Depps Filmographie finden: "Gegen die Zeit", Dead Man", "The Astronaut´s Wife", "Die neun Pforten", "In stürmischen Zeiten", - bei Depp indes ist fast zweitrangig, was die Filme taugen. Kritik perlt ab an seiner Person, während eine unter Perücken begrabene und nach seinen Maßstäben eher durchschnittliche Performance in "Blow" Begeisterung auslöst.

Das Bild von Depp, der ehrlichen Haut und dem Antistar, überdeckt jede Rolle oder Notierung an der Filmspielbörse. Er ist sein eigenes Markenzeichen und in einer Kinokultur der Wiederkäuer eines der wenigen Originale. Wer beispielsweise an Al Pacino denkt, dem blitzt dessen Brillianz in "Der Pate" und "Heat" durchs Hirn. Depp ruft da ganz andere Assoziationen wach. Seine Person ist die Summe der Träumer, Menschenkinder und Außenseiter, die er gespielt hat. "Mich werden immer angeschlagene Existenzen reizen," sagt er. "Und die Erinnerung an gespielte Figuren ist wie ein Treffen mit alten Freunden, die in mir existieren."

Ihre Gemeinsamkeit ist das Antlitz eines jungen Gottes. Kein amerikanischer Schauspieler kann besser mit den Augen agieren. Als Depp etwas in "Edward mit den Scherenhänden" alle Gefühle dieser Welt in seinen Blick legte, bedurfte seine mimische Magie keiner Silbe. Unübersehbar, dass sich Depp am besten aufgehoben fühlt, wenn er menschliche Essenz an unvermuteeter Stelle suchenj kann: zurzeit als Großdealer in "Blow" und demnächst als Billigtransvestit in "Before Night Falls". Da spürt man, wie er mit dem Herzen dabei ist und morgens zur Arbeit geht, weil er durch Fassaden in Herzen blicken will. Für viele andere wären "Ed Wood", "Don Juan de Marco" oder der Kommissar aus "Sleepy Hollow" Witzfiguren. Depp nimmt sie ernst, die vermeintlichen Freaks. Er definiert persönliche Integrität geradezu, wenn er sagt: "Die Oberfläche ist schnell abgenutzt, die Substanz gewinnt immer."

Dass das keine Masche ist, zeigt genauere Betrachtung. Denn so gelöst er als Sonderling ist, so desorientiert wirkt er in gewöhnlicheren Rollen. Gibt er den Buhmann in "The Astronaut´s Wife", sieht man förmlich die Manager ins Bild schielen, die ihn bekniet haben müssen, doch mal eine Mainstream-Figur zu meistern. Technische kann er das natürlich. Aber man spürt, dass Depp nichts Kostbares investiert. Vielleicht hat er es im Leben zu oft zu leicht gehabt mit seinem nicht so üblen Aussehen, um sich mit solch leichtem Florett zufrieden zu geben. Andere mit seinen Möglichkeiten würden einen romantischen Helden nach dem anderen spielen.

Depp indes ist schlecht, wann immer er das nur versucht. Seine feurigen Zigeuner in "Chocolat" oder "In stürmischen Zeiten" waren hübsche Karikaturen, und ein wenig schien er da immer über sich selbst zu lächeln. So bleibt er auf der Leinwand sogar dann ehrlich, wenn er sich auf ein falsches Spiel einlässt. Den Menschen Johnny Depp festzunageln, scheint zudem nicht schwer, weil er im Interview die Offenheit in Person ist und seit zwei Jahren in die Mikros plaudert, wie sehr ihn die Geburt seiner Tochter Lily Rose verändert habe. Wenn er da sitzt und von seinem Leben in Frankreich erzählt, ist das so entwaffnend charmant, dass Depp nicht schutzloser wirken könnte. Doch der Eindruck trügt.

Der Mann verwendet soviel Energie darauf, vor der Öffentlichkeit zu flüchten, dass man sich nicht der Illusion hingeben sollte, ihn erfassen zu können. Früher hat er schon mal, wie es sich gehört, Paparazzi verprügelt. Heute schafft er anders Abstand. Schon äußerlich, indem er Schädel und Gesicht mit Haaren zuwuchern lässt und auftritt, als habe er sich verkleidet. Beim letzten CINEMA-Treffen in L.A. trug er Kaftan, Schlapphut, Tigerzahnkette, ägyptishes Amulett, Che-Guevara-Medallion, Ringe mit Totenköpfen und frisch tätowierte Finger. Dazu beispiellose Freundlichkeit, die auch zur Tarnung beiträgt, weil keiner die Sanftmütigen hinterfragt. Er will nichts als seinen Frieden bewahren. Auch wenn Details im Gemurmel untergehen, so lässt Depp doch keinen Zweifel daran, dass er dem Absturz gerade noch entronnen zu sein glaubt.

Zur Zeit, als River Phoenix vor seiner Lebenskünstler-Kneipe Viper Room starb, war auch Depp kein Rauschmittel fremd. "Aus Angst oder Frust habe ich getrunken" erinnert er sich, "und dazu alle denkbaren Drogen genommen. Nicht, um Parties zu feiern oder zu entspannen, sondern weil ich meinen Kopf betäuben musste. Wie eine Art medizinischer Selbstbehandlung. Dabei war es nur ein Versuch, der Realität zu entkommen und den Tag hinauszuzögern, an dem man sich mit dem inneren Dämon konfrontieren muss."

Seine Frau Vanessa Paradis und sein Umzug nach Frankreich haben ihm diese Kämpfe genommen, sagt er leise. Man glaubt es ihm gern, und so radikal ist der Einschnitt ja nun auch wieder nicht, durch eine junge Familie ein neues Leben zu beginnen und eben "nicht mehr daran zu verzweifeln, dass es nicht so toll lief in der Jugend". Musiker wollte er damals werden, die Filmscouts machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Und es fällt auf, dass er nie ein Wort zu seiner filmischen Zukunft in den Mund nimmt. Verankert ihn seine jüngere Vergangenheit als Familienvater für die nächsten Jahre in der Gegenwart?

In der US-Presse haben viele geschrieben, dass Depp in "Blow" privat und darstellerisch erwachsen geworden sei. Aber das ist nur halb richtig, denn seine beste und reifste Leistung hat er schon vor Jahren in "Donnie Brasco" gezeigt. Das könnte der erste Film aus seinem neuen Leben gewesen sein. Nicht spielerisch oder verträumt war er da, sondern in der Rolle eines verdeckten Ermittlers im Mafiamilieu mit der Realität konfontiert, so hart, dass er am Ende schmerzverzerrt zurückblieb. Auch "Blow" geht in diese Richtung. Man wird das Gefühl nicht los, dass der Schauspieler Johnny Depp bei aller Aufrichtigkeit erst jetzt an die Größe glaubt, die wir schon lange in ihm sehen.

Riskant. Wenn er nicht aufpasst, schicken sie ihm eines Tages noch unaufgefordert einen Oscar zu.

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