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Cinema - April 1998

 

Das Märchen von Johnny Hollywood

Portrait von Oliver vom Hofe

 

 

"Titanic" feiert den Absolutismus der Liebe - und wurde der größte Film der Welt. "Der Mann in der eisernen Maske" zeigt Leonardo DiCaprio jetzt als Sonnenkönig - aber kann es für ihn überhaupt ein Leben nach "Titanic" geben?

Es ist Samstagnacht in Los Angeles, und die Luft muß noch mehr Spannung halten als sonst, denn heute ist Halloween. Ein Zwillingspaar hat das junge Hollywood in seine Villa geladen, zum Fest, bei dem ihre keltischen Ahnen einst mit Opfern und Maskeraden die Dämonen zu bannen suchten, die sich in den langen Winternächten sonst an ihren Feuern niederlassen würden. Es ist heiß hier und dunkel, es ist Geschrei, und es wäre leichter zur rush hour einen Highway gegen die Fahrtrichtung zu splaten, als gegen diesen Strom der Leiber zu kämpfen. Die Kinder der Engelsstadt sind trunken, einige tragen Kostüme, andere nicht, denn sie wissen, daß eine Maskerade keiner Verkleidung bedarf. In einer Ecke lehnt Johnny Hollywood, und er sieht aus, wie es James Dean einst lehrte: das Haar geölt, die Lederjacke über den Schultern wie zwei Schwingen, ein Schleier von Tabakrauch. Er taucht ein ins Gemenge, und da erscheint ihm ein junger Mann, es sind nur die Augen, die man durch seine Maske erfassen kann.

Johnny Hollywood erkennt in der Maske River Phoenix, den wundersamsten Schauspieler seiner Generation. Auch Johnny Hollywood ist Schauspieler, und er hat über sich gelesen, daß er sich anschicke, das Feuer von River Phoenix zu übernehmen. Johnny Hollywood steckt die Hand aus, um Rivers Feuer zu spüren, er sucht nach Worten, doch die Leiber reissen ihn mit sich. Auch River Phoenix zieht es fort, zu einer anderen Maskerade, in den Viper Room auf dem Sunset Boulevard. Dort ist es noch dunkler, dort ist das Heroin, und er wird seine letzten Worte sprechen, "Ich will Anonymität", noch in dieser Nacht.

Dies ist ein wahres Märchen, so begab es sich am 31. Oktober 1993. Für die Jugnd Hollywood muß das Leben ein unwirkliches sein. Zwar werden in allen Kinderzimmern dieser Welt Märchen weitergegeben, aber nirgends ist der Duft des Märchenlandes so stark wie in den Kinderzimmern im Nordwesten von L.A., wo alles möglich ist. Doch selten lassen sich, selbst hier, Traum und Realität zu immerwährendem Glück vereinen, öfter sprießen sie auseinander wie die Blätter einer Blume, deren Blüten Enttäuschung bringen und Schmerz, bevor die Erkenntnis verstehen läßt. Das traurige Leben des River Phoenix kennen wir, es schließt mit konvulsivischen Zuckungen in der Gosse des Sunset Boulevard Nummer 8852.

Aber was wird aus Johnny Hollywood, der River Phoenix nie näher kam als in jener Nacht der Maskeraden und mit dem er doch soviel teilt: die Verachtung für Hollywood, das er trotzdem in seinem Namen trägt; die dummen TV-Serien und der frühe Ruhm, die Eltern mit ihren Idealen der Gegenkultur? Wird er sich genausowenig der Phantasien erwehren können, die er in uns weckt und die wir wieder auf ihn loslassen? Oder geht das Märchen von Johnny Hollywood ganz anders?

 

Johnny Hollywood kommt in Los Angeles als Leonardo Wilhelm DiCaprio auf diese Welt, am 11. November 1974: Seine Mutter ist Irmelin In den Birken, und sie erzählt ihrem Sohn später von den Bombenangriffen, die sie als kleines Mädchen während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland erlebte. SeinVater ist George DiCaprio, und er verdient sein Geld als Verleger von Underground-Comics. Noch bevor Leonardo seinen ersten Geburtstag feiert, stellen Irmelin und George fest, daß sie sich nicht mehr lieben. George zieht aus. Als Elternpaar jedoch stehen sie bis heute beisammen, sie sind Leos Fundamente, und sie lassen sich nicht einmal scheiden.

Das erste Geschenk erhält Leo zu seiner Geburt: ein Paar winzige Boxhandschuhe von dem berühmten Schriftsteller Hubert Selby, Jr., der den Roman "Letzte Ausfahrt Brooklyn" erdachte. Das größte Geschenk, daß Leonardo jemals erhalten wird, sagt sein Vater George, sei "neben den DiCaprio-Power-Augenbrauen die absolute Angstlosigkeit". Und den Blick hinter die Horizonte dieser Welt. Denn es sind fremde und seltsame Reisende, die George abends an seinen Tisch ruft und dem kleinen Leonardo vorstellt. Da wäre der Waffenspezialist, Ex-Junkie und Autor William S. Burroughs, der seine Texte auseinanderschneidet, neu zusammensetzt und so drucken läßt. Sein Gesicht ist wie ein faltiger Überwurf, und als er einmal Wilhelm Tell sein wollte, erschoß er seine Frau. Da wäre Robert Crumb, der verstörte Comic-Künstler mit der Panzerglas-Brille, der am liebsten Frauen mit dicken Beinen und starkem Gesäß malt. Da wäre Allen Ginsberg, der revolutionäre Dichter, schwul, Jude und mit Augen so groß und freundlich wie zwei volle Suppenteller. Leonardos erster bester Freund heißt America, er ist der Sohn von Abbie Hoffman, der berüchtigt wurde, als er ein Schwein als Präsidentschaftskandidaten aufstellte und ankündigte, LSD in Trinkwasertanks zu kippen. Jahrelang mußte er sich vor der US-Regierung in Mexico verstecken.

Und dann kommt der Tag, da Leonardo DiCaprio auf einem Performance-Festival zum ersten Mal Johnny Hollywood spürt. "Das ist meine erste Kindheitserinnerung: Ich trage meinen roten Overall und mein schäbigstes T-Shirt. Mein Vater sagte: 'Hey, geh auf die Bühne!' Da stand ich dann und begann zu tanzen: Tappity, tappity, tap, tap. Alle schrien 'Mehr!' und da war ich nicht zu halten. Mein Vater mußte mich von der Bühne zerren."

Leonardo lebt bei seiner Mutter in Hollywoods Echo Park, wo aus dem Sand der Spielplätze Spritzen ragen wie schiefe Miniatur-Öltürme, und er wird nie vergessen, wie vor dem Balkon seines Freundes ein junger Mann seinen Körper veräußerte. "Ich kann mich auch lebhaft erinnern, eine Taube getötet zu haben. Sie war krank, mein Freund hatte eine Pistole, und wir beschlossen, sie zu erlösen. Aber sie wollte nicht sterben, wir mussten mindestens fünfzehn Mal auf sie schießen, und es war eine grauenhafte Quälerei für den armen Vogel. Ich saß da und weinte, sah die Taube, wie ihr immer wieder in den Kopf geschossen wurde. Schließlich nahm mein Stiefbruder ein Brett und - 'krrrk' - erschlug sie."

Ozeanograph möchte Leonardo werden. Die Schule ist ihm ein Nichts, doch den Pausenhof, den regiert er mit Breakdance, spastischen Verrrenkungen und einmal auch als Massenmörder Charles Manson mit dem tätowierten Hakenkreuz auf der Stirn. Von seinen Kameraden wird er "Leonado Retardo" oder "Nudel" geheißen, und sein Tischnachbar Mustafa verehrt ihm seine Hausaufgaben, Tag für Tag. Leonardo liebt Popeye, King Kong und die Fernsehserie "Romper Room". Als seine Mutter Irmelin ihn auf das Set führt, damit die Produzenten das wundersame Kind bestaunen, vergisst er sich und tanzt und tobt, bis ein Mann in Uniform ihm die Tür weist.

George hinterlässt die wichtigsten Fingerabdrücke auf des Jünglings Seele. Er schenkt Leonardo seinen Leitspruch "Ich bin glücklich, wenn ich jeden Morgen meine Hosen anziehen kann", er zeigt ihm das Spiel mit dem Baseball, doch das erstaunlichste Universum ist seine Garage, wo George Handel treibt mit Comics und sein Sohn eine Ahnung von der Zukunft erhält. "Ich bin da immer reingerannt und schaute mir die Underground-Sexmagazine an. Wie den 'Checkered Demon', das ist dieser kleine Teufel mit dem 90-Zentimeter-Pimmel, mit dem er jeden aufspießt. Das war meine erste Idee von Sex. Und ich dachte nur: Oh wow! Ich kann´s nicht erwarten!'" Eines Tages dann rollten Vater und Sohn in Georges altem Kombi durch die Stadt, und der Mann sprach mit dem Kind über Liebe: "Das erste Mal, als ich Sex hatte, war ich sechs, so alt wie du jetzt. Du solltest es auch probieren" - "Ach Schnauze, Dad, ich will nicht." - "Aber es ist schön, du kleines Arschloch." - "Nein, ich mache lieber meine Hausaufgaben." Am nächsten Tag war Mustafa voll des Staunens.

Drei Jahre später schließlich öffnet Mammon eine Wunde, und solche Wunden werden nur geheilt durch Verstehen und Entscheiden. Leonardos Stiefbruder Adam kündet von einem Werbespot, in dem er eine Rolle habe, und vom Gold, das man ihm dafür entrichte. Angst umfasst Leonardos Herz: "Die ganze Zeit dachte ich 'Wow, mein Bruder hat 50.000 Dollar!' Fünf Jahre glaubte ich, er wäre besser als ich. Das war mein Antrieb." Er drängt seine Eltern, einen Agenten zu heuern, doch zwei Sommer, etliche Castings und viele Tränen vergehen, bis Leonardo endlich den Knaben Amerikas zu Matchbox-Autos raten darf. Er leiht sein Gesicht 40 Werbefilmchen, und als er die Jugend in einem Spot unterweist, "Wie ich mit Eltern umgehe, die Drogen nehmen", lächeln Irmelin und George dazu. Leonardo verdingt sich ans Fernsehen, an "The New Lassie", "The Outsiders", "Santa Barbara", "Parenthood", aber selbst wenn er immer der Rebell ist mit den Mundwinkeln in Moll, so erkennt er darin doch nie Johnny Hollywood.

Zu dieser Zeit begibt sich Leonardos erstes Date: "Ich ging aus mit diesem kleinen spanischen Mädchen namens Cessie. Wir hatten einen Sommer lang diese wunderbare Telefon-Beziehung, sie war verreist. Und dann kam sie nach Hause und wollte ins Kino gehen, und - oh Gott - ich wollte so perfekt sein. So zog ich meinen hellblauen Rollkragenpullover an. Als ich vor Cessie stand, war ich dermaßen versteinert, dass ich nicht mal in ihre Augen schauen konnte. Dann sahen wir 'Harry und Sally', zwei Stunden hatte ich Ruhe, weil ich nicht der Superboy sein musste. Danach aßen wir Sandwiches. Ich habe Sprüche gerissen, aber ich wollte sie nicht runtermachen. Doch dann sagte sie 'Hast du ein Problem mit mir, wie ich dieses Sandwich esse?' Ich sagte 'Nein, nein!' Doch ich spielte nur noch verrückt. Das war auch unser letztes Date. Ich liebte sie noch für ein ganzes Jahr, aber ich konnte ihr nicht nahekommen, weil ich mich so verletzt fühlte." Und zu dieser Zeit begibt sich auch Leonaros erster Kuss. "Das Ekelhafteste, was mir bis dahin passiert war. Das Mädchen hinterließ ein Pfund Spucke in meinem Mund, ich ging schnell weg und spuckte alles aus."

Sein erstes Lichtspiel "Critters 3" ist für Leonardo noch weniger erfreulich, bemerkenswert bleibt allein die Zeile seines Filmvaters: "Eines Tages gehört der Pool dir, und du musst lernen, darin zu schwimmen. Sein nächster Filmvater ist schon der große Robert De Niro in "This Boy´s Life", und der brillante DiCaprio lässt ihn aussehen wie einen Bademeister. Danach spielt er in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" den behinderten Arnie mit einer sabbernden Eleganz, die den Zurückgebliebenen zum Sohn Gottes erhebt. Hollywood rätselt: Weiß dieser Junge um mehr als wir? Oder kann er alles darstellen, weil nichts in ihm ist, das die Sicht versperrt? Bin ich Enzyklopädie oder weißes Blatt? - Diese Frage schreit auch in Leonardo. Und selbst George, der seinem Sohn die Drehbücher sichtet, und Irmelin, die seinen Terminkalender führt, kennen keine Antwort: "Wir glauben, daß er ein Alien ist, ganz anders vernetzt als wir. " Die beste Erklärung hat Leonardo selbst: "Schauspielen ist der einzige Augenblick, wo ich wirklich mir dieser Spontanität in Verbindung stehe, von der ich mir wünsche, daß sie ständig präsent wäre."

So prescht er durch den Drogenwahn von "Jim Carroll - In den Straßen von New York", daß die Kritiker meinen, er wäre süchtig, dabei snifft er im Film nur Ovomaltine. Danach spielt er den französischen Dichter Arthur Rimbaud in "Total Eclipse", und Leonardo weiß nicht, was für ihn schlimmer ist: die homophilen Szenen oder die Presse, die Leinwand und Realität kaum noch zu trennen vermag. Und so wird sein Traum zur Furcht, und er zieht sich in den toten Winkel des Zynismus zurück und sagt: "Ich möchte nicht, daß mich die Leute zu gut kennen", aber Leonardo möchte nur, daß ihn die Leute nicht verkennen.

Dieser Schauspieler ist natürlich perfekt für "William Shakespeare´s Romeo & Julia", in dem die Grenzen zwischen Rebellion und Versmaß, Musikvideo und Hochkultur aufgelöst werden sollen. Und Leonardo gelingt das Kunststück. Alle Welt möchte an dieses wunderbare Gefühlskino glauben, auch wenn seine Partnerin Claire Danes ihn bei aller Liebe als "irgendwie unreif" abqualifiziert, weil er sich am Set aufführt wie Goofy.

Doch dann kommt die Titanic. Die Titanic ist ein Schiff, das auf einen Eisberg läuft, aber die größere Naturgewalt ist der Maler Jack Dawson: Er trifft auf Rose DeWitt Bukater und versenkt das Klassensystem, er versenkt alle Konventionen, und als er gar selbst auf den Grund des Meeres sinkt, bleibt doch die Liebe. Der Regisseur dieses Films heißt James Cameron, und er ist ein Mann: Er war LKW-Fahrer, Urlaub heißt für ihn zu tauchen und Haie zu streicheln, Widerspruch kennt er nicht. Eigens für "Titanic" lässt er in Mexico ein Sudio bauen, wo das Schiff nahezu in Originalgröße nachgebildet wird, und wenn die Schauspielergewerkschaft sich beschweren kommt, nimmt er nur Wetten an, wer als erster zusammenbricht.

Direkt am ersten Drehtag wird die Szene gefilmt, in der Leonardo einen Akt seiner Partnerin Kate Winslet zeichnet. Er stürmt in ihre Gaderobe, dort liegt sie, und alles, was sie trägt, ist Make-up. "Er sah mich und machte nur 'Whoooooa!', und ich sagte: 'So wird das heute den ganzen Tag sein, also können wir es genausogut jetzt hinter uns bringen.'" Die nächsten sieben Monate waten sie durch kaltes Wasser, sie trösten sich in der Tortur, und sie werden unzertrennlich.

Leonardo DiCaprio versucht, Cameron seinen Jack Dawson als versponnenen Künstler zu verkaufen. Cameron erinnert sich und wird ungewöhnlich diplomatisch: "Leonardo hinterfragte alles im Skript. Ich sagte nur: 'Hey Mann, waum hast du die Rolle überhaupt angenommen?' Schließlich gab es diesen Moment der Katharsis, als wir beide in meinem Trailer saßen und uns einige Stunden unterhielten, und am Schluss nahmen wir uns in die Arme und gingen wieder zur Arbeit." Nette Umschreibung für die Therapie durch einen Menschenfresser.

Bei den Dreharbeiten zu "Titanic" sei ihm alles widerfahren, was das Leben an Positivem und Negativen überhaupt bereithalte, erklärt Leonardo DiCaprio in einem seiner ersten Interviews nach dieser Wasserscheide. Aber darüber könne er, wenn überhaupt, erst in einigen Jahren sprechen. Und wie gehe er jetzt damit um, der größte Star dieses Planeten zu sein? "Ich... ich habe darauf keine Antwort", sagt er. Und in seiner Stimme schwingt der Abschied von Johnny Hollywood.

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