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In Style - Juli 2001

Starportrait Johnny Depp:

Der weise Wilde

Interview: Roland Huschke

 

Ein Interview mit ihm zu bekommen, ist eine Art Glücksspiel. Tägliche Anrufe bei seinen Managern: "Er kommt! - Nein, er kann nicht! - Jetzt doch!" Es passiert, dass Johnny Depp selbst einen bei Stars so begehrten Aufrtritt beim Late-Night-King David Lettermann absagt. Johnny macht, was er will. Aber was er will, das macht er von ganzem Herzen. Von Star-Allüren keine Spur. Beim In Style Gespräch in Los Angeles zeigt er eine Sanftmut, die in den Bereich der Weisheit übergeht. Die oberflächlichen Spiegelungen des Stardaseins registriert er, aber sie interessieren ihn nicht. Er ist auf der Suche nach dem Kern der Dinge. Wie er hier sitzt, mit mehreren Schichten Schlabberhemden, einer silbernen Strähne im Wuschelhaar, sieht er aus wie ein Retro-Hippie. Dabei wahnsinning sexy. Er ist Hollyoods überzeugendster Beweis, dass wahre Schönheit von innen kommt.

Glauben Sie, dass Ihr Aussehen manchmal Ihere ernsthaften Schauspielerei im Wege steht?

Ich glaube, dass der Begriff "ernsthafter Schauspieler" ein Widerspruch in sich ist. Schließlich schwindeln wir vor der Kamera für unseren Lebensunterhalt wie die kleinen Kinder (lacht). Äußere Eindrücke werden überschätzt und sind nie von Dauer. Gesichter verwelken, das ist gesund. Am Ende siegt immer die innere Ausdruckskraft. Oder wie Serge Gainsborough gesagt hat: "Ja, ich bin hässlich. Aber wenigstens kann man sich darauf länger verlassen als auf Schönheit."

Ist Ihnen Eitelkeit ganz fremd? Sind Ihre Tattoos zum Beispiel nicht als Schmuck zu verstehen?

Privat kenne ich keine Eitelkeit, da ist mir mein Aussehen so egal wie ein Rattenhintern. Aber im Beruf sind Gesicht und Erscheinung feine Werkzeuge, mit denen ich gern arbeite. Die Tätowierungen? (lächelt) Kein Modeschmuck. Mit siebzehn habe ich beschlossen, dass mein Körper eine Art Tagebuch ist, in dem ich einschneidende Erfahrungen festhalte. Unauslöschlich. Mit Tinte.

Das Tagebuch Ihres Lebens beinhaltet nun auch, dass Sie endgültig nach Frankreich gezogen sind...

Zu Dreharbeiten reisen Vanessa und ich gemeinsam, aber ansonsten verbringen wir die meiste Zeit in Frankreich. Dort kann ich in Frieden meine Zigaretten rauchen, während ich in Los Angeles beschuldigt werde, den Smog zu verpesten. (grinst)

Scheinbar haben Sie keine allzu gute Meinung von Ihrer alten Heimat.

Nein. Der amerikanische Traium ist doch bloß ein Oberbegriff für willkürliche Gewalt, Ignoranz und Gier. Wo ich herkomme, wird es als Tugend gepriesen, so schnell wie möglich so viel wie möglich an sich zu raffen und nie wieder was herzugeben. Sorry, doch in so einem Klima wird mein Kind nicht aufwachsen. Und falls ich sehen möchte, wie Jugendliche auf dem Schulhof erschossen werden, kann ich ja jederzeit CNN einschalten...

Sind Sie durch Vanessa Paradis auf die Alternative Frankreich gestoßen?

Ich fühlte mich zum Land und zur französischen Kultur schon immer hingezogen, ohne mir das so recht erklären zu können. Heute bin ich überzeugt, dass alles Teil eines großen schicksalhaften Planes war. Dass es meine unerklärliche, wunderschöne Bestimmung war, Vanessa zu treffen.

Wie hat man sich Ihren Alltag dort vorzustellen?

Wir leben in der Nähe eines kleinen Dorfes. Ohne Kino! Im Prinzip sitze ich den ganzen Tag im Dorflokal, trinke Pastis und rede mit den anderen darüber, wie morgen wohl das Wetter wird. Hmm, was noch? Ach ja: Auf unserem kleinen Landsitz leben auch wilde Schweine. Aber an die bin ich gewöhnt. Immerhin habe ich oft genug in Hollywood gearbeitet... (lacht)

Es gibt ja nun eine weitere Frau in Ihrem Leben...

Seit mein kleines Mädchen geboren ist, befinde ich mich auf einem Kissen aus Luft. Sie ist der Grund, morgens aufzuwachen. Und obwohl ich wirklich nie ein egozentrischer Typ war, spürte ich bei ihrer Geburt meinen ersten puren, selbstlosen Moment als menschliches Wesen. Vanessa und ich haben Lily-Rose das Leben geschenkt - und sie hat es uns geschenkt.

Waren Sie zuvor häufig unglücklich?

Nein. Aber ich hatte ständig den Verdacht, mich in einem seltsamen, dunklen Nebel zu befinden, der mir den richtigen Weg verschloss. Ich wusste lange Zeit nicht, welchen Sinn es machen sollte, irgendwas auf diser Welt anzustreben oder zu erreichen. Ich will nicht undankbar oder weltfremd klingen. Fraglos hatte ich Erfolg in meinem gewählten Beruf. Und ungeheures Glück. Gesunde Eltern, Schwestern, Freunde. Was will man mehr, stimmt´s?

Sagen Sie´s uns!

Ich kann nicht in Worte fassen, was vorher fehlte. Doch seit der Geburt meiner Tochter habe ich die Gabe, neben mich selbst zu treten, die Lage nüchtern zu betrachten und zu sagen: Na gut, Johnny, du hattest nicht die beste Kindheit. Auch danach ist manches nicht gelaufen wie erhofft. Na und, verdammt noch mal! Vielen Leuten geht es unendlich shlechter. Also nach vorn schauen, statt zu jammern.

So ausgeglichen waren Sie nicht immer...

Wenn beispielsweise darüber berichtet wurde, dass ich ein Hotelzimmer demoliert oder mich mit Fotografen angelegt habe, dann las es sich so, als wäre das mein Freizeitvergnügen. Dabei hatte ich einen rabenschwarzen Tag (lächelt traurig).

Was tun Sie heute an solchen Tagen?

Den Teufel, der in jedem von uns steckt und gelegentlich ausbricht, kann man nicht nur durch Flucht oder durch Betäubung bekämpfen. Man muss diesem Dämon in den Hintern kriechen, aus seinem Mund herauskommen, auf seiner Zunge tanzen und ihm beide Miteelfinger zeigen! So ähnlich habe ich jedenfalls mit meinen Ängsten und Selbstzweifeln umzugehen gelernt (lacht). Einfach akzeptieren, dass es kein Leben ohne sie gibt.

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