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Gala - Frühjahr 1998

 

Leonardo DiCaprio - der Beginn einer Legende

Seit James Dean hat kein Schauspieler seine Fans so in Ekstase versetzt ...

 

 

Die Anweisungen des Managers von Glorious Food sind unmissverständlich: kein Alkohol an halbwüchsige Mädchen. New Yorks feinster Party-Service stellt seine Angestellten auf eine harte Nacht ein. Leonardo DiCaprio ist in town, und mit ihm die "Leomania", jenes Fieber, das den Globus derzeit jede Raison verlieren läßt.. Die Public Library wappnet sich für den Empfang des Titanic-Stars. Und das bedeutet Horden nicht eingeladener Teenager, die Wach- und Bedienungspersonal auf eine harte Probe stellen.

Seit Jahren ist er der erste, der quer durch die Generationen die Frauen verrrückt macht. Tausende schrieben Beschwerden an die Academy, nachdem dort die Oscar-Nominierungen für die beste Hauptrolle bekanntgegeben worden waren und DiCaprio leer ausgegangen war. "Was soll ich dazu sagen", meinte DiCaprio. "Es ist natürlich phantastisch, derart bewundert zu werden, dafür arbeiten wir schließlich als Schauspieler. Aber ich werde meinen Enkeln erzählen können, dass ich in einem Film mitgespielt habe, der zu einer Ikone geworden ist, und mit dem sich Menschen auf der ganzen Welt identifizieren können. Das ist Ehre genug. Der Rest ist bedeutungslos."

Das Phänomen DiCaprio: Hunderter mexikanischer Senoritas hatten plötzlich dringend Erledigungen im Wüstenkaff Rosarito in der mexikanischen Baja zu besorgen, nur um einen Blick auf den Titanic-Set und den knuffigen Gringo mit dem wertherbleichen Gesicht zu werfen. Tausende japanischer Teens kreischten bei der Tokioter Titanic-Premiere den jungen Star des Films in eine benebelnde Trance, in der er "nur noch eine Wand schreiender Münder" wahrnahm. 30 französische Tens fanden ihn radargleich während einer Drehpause zum Mann in der eisernen Maske im Pariser Louvre und vertrieben ihn in panischer Flucht von der Mona Lisa. Auf Drängen italienischer Nonnen wurden in der jüngsten Ausgabe der Klosterzeitschrift "Primavera" sogar ein Maxi-Faltbild des Stars beigelegt. Schon werden ihm ganze Filmbücher gewidmet wie zum Beispiel "Das Leonardo DiCaprio Album" (gerade bei Ullstein erschienen).

Es gibt nur einen Hollywood-Gott mit einem vergleichbaren Kultstatus. Nur einen, dessen jungenhafte Gestalt und schwellender Kussmund durch ähnlich viele Tagträume geistert, und der ist seit dem 30. September 1955 tot: James Dean. Die Erbfolge der Herzensbrecher, die River Phoenix´ Drogentod so jäh unterbrach, ist wieder intakt. Dean, Phoenix, DiCaprio. Wie Jimmy wuchs auch Leonardo ohne Vater auf. Aber während Dean von Tante und Onkel zum Filmrebellen erzogen wurde, konnte DiCaprios Mutter Irmelin immerhin auch nach der Scheidung auf ihren Ex-Mann George zählen. Wie Jimmy fand auch Leo seine erste Hauptrolle als verstörter Teen. Dean rang in Jenseits von Eden vergeblich um die Anerkennung seines Vaters, DiCaprio litt in This Boy´s Life an Robert De Niro. Wie Jimmy, benutzte Leo ein Stück schimmerndes Macho-Metall, um seinen Kultstatus zu zementieren. Dean jagte in einem aufgemotzten Schlitten durch Denn sie wissen nicht, was sie tun, DiCaprio wedelte in Romeo und Julia mit einer futuristischen Pistole.

Aber während Dean imagegerecht in einer Kurve kurz vor Los Robles, Kalifornien, seinen silbernen Porsche Spider als Guillotine missbrauchte, lebt Leo ein vergleichsweise unaufgeregtes Leben, das viel Zeit und Aufwand für Mutter Irmelin, Vater George, Oma Helena, Drachenechse Blitz und seine Kumpel reserviert. Jeder seiner Filmverträge enthält eine Klausel, dass Freunde wie Jonah Johnson, Tobey Maguire, Kevin Connelly oder Vincent Laresca auf Kosten des Studios eingeflogen werden müssen. Oma Helena ist längst eine wurstbrotbeladene Institution auf den Filmsets, die Mama verwaltet die berstenen Finanzen des Jungstars, der in der 20-Millionen-Dollar-Liga spielt, sollte er sich je entscheiden, einen weiteren Megafilm zu drehen. Papa George, der Künstler und kreative Mentor, ist an einem zukünftigen Film über das Leben der angeblichen amerikanischen Atomspione Ethel und Julius Rosenberg beteiligt.

Wo Dean das Leben soff, nippt Leo in Maßen. Er nimmt keine Drogen und hat pfirsichweiche Haut. Mit seinem Bild in der Hand geht die eine Hälfte von Amerikas Frauen ins Bett, die andere zum Brauenzupfen. "Er ist", sagt Titanic-Co-Star Kate Winslet, die er "nackt sehr cool" fand, "der schönste aller Männer. Aber eitel ist er deswegen nicht." Sie noch weniger, Offen gestand sie, dem schönen Knaben nachgestellt und einen Korb von ihm kassiert zu haben. Er hatte wohl keine Lust.

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Ein steter Strom von Menschen versucht den Treck hinauf in die VIP-Lounge der Public Library, wo DiCaprio und seine Bande die Premiere seines neuen Films Der Mann in der eisernen Maske feiern. Reporter der Klatschseiten, Wall Streeter und ihre Freundinnen und dazu die Creme der New Yorker Filmwelt. Sigourney Weaver darf etwas mit dem neugekrönten König von Hollywood plaudern, während der kettemraucht und am Cranberry-Wodka nippt. Jennifer Lopez macht ihre Aufwartung. Mira Sorvino demonstriert, was passiert, wenn Oscar-Gewinnerinnen schmachten wie die "Bravo"-Leserin von nebenan. Ihre pseudo-coole Pose mit Zigarette und Schmollmund erntet Gekicher aus Leos Ecke.

David Blaine, der Copperfield der Hip-Generation und ein New Yorker Freund DiCaprios, zeigt ein paar Kartentricks und schnieft vergrippt durch den dichten Rauchvorhang, den Leo und seine flegelnden Konsorten um sich verbreiten. "Er benimmt sich irgndwie wie ein unreifer Bengel", urteilt später eine der Bartenderinnen der VIP-Lounge, "als hätte ihm nie jemand etwas verboten. Ganz anders als der Gentleman aus der Titanic. Irgendwie bin ich enttäuscht."

Das ist die Crux unserer Zeit. In einem seltsamen Spagat schafft die Traumfabrik in Windeseile schier unerreichbare Mythen, erlaubt ihnen jedoch nicht den Luxus der Ferne, den Stars der Vergangenheit noch genießen konnten. Wer wem in die Betten folgt, welche Unterwäsche trägt, wieviel verdient und was aufs Butterbrot schmiert, sind Fragen, auf die das Publikum wie selbstverständlich eine Antwort verlangt. Aber die neuen Mythen sind auch nur Menschen, und gerade das wird ihnen nicht verziehen. DiCaprio sind Verhältnisse mit Demi Moore, Alicia Silvrstone, den Models Bridget Hall, Kristen Zang und zuletzt Amber Valetta nachgesagt worden. "Ich habe es aufgegeben, mir darüber Gedanken zu machen", sagt DiCaprio. "Skandale verkaufen Magazine. Ich lebe mein kleines Leben. Ich habe meine Familie, meine Freunde. Ich will niemand anders. Ich brauche keine Blutsauger und Jasager um mich herum."

Jeremy Irons, einer der vier Musketiere in der etwas hölzernen, oft unfreiwillig komischen Verfilmung des Dumas-Romans, in der DiCaprio eine Doppelrolle als Louis XIV. und als Mann mit Maske spielt, ist zur Premiere im Bohème-Look der Bühnenschauspieler erschienen. Inmitten des Gucci- und Missoni-Overkills ist Irons eine leicht geknitterte Cord-Präsenz. "Ich hätte", grinst er, "auch nackt mit Kummerbund erscheinen können und ebensowenig Aufsehen erregt. Dies hier ist Leos Nacht. Er hat die Hauptrolle. Zwei sogar, um genau zu sein. Und jedes Jota Aufnerksamkeit, das er bekommt, hat er auch verdient. Leo weiß, was er tut vor der Kamera. Ich brauche ihm da nichts mehr zu sagen." DiCaprio hat noch keine Schauspielstunde genommen. Die Schule generell, sagt er, sei nichts für einen seiner Disposition. Doch dicht unter der Babyhaut glimmt eine ungeheure Intensität, ein unberührtes Energiereservoir, das kaum ein Regisseur, ausser vielleicht Baz Luhrmann, wirklich hat zum Leuchten bringen können. Eine ausserordentliche Wildheit, gepaart mit Verletzlichkeit. Sinnlichkeit und kindhafte Unschuld.

Wer ihm zum ersten Mal begegnet, ist schnell verwirrt. Das Gesicht, das er beim Interview darbietet, ist ein Paradestück der Hebelgesetze. Mit winzigen, fast subkutanen Verschiebungen erzeugt er maximale Effekte. Er schafft mit einer kaum gelüpften Braue den Sprung vom ernsthaft-höflichen Sinnierer zum respektlosen Teen. Mal parliert er artig, mal frotzelt er garstig, aber nie hat man das Gefühl, den richtigen Leonardo Wilhelm DiCaprio vor Augen zu haben. Er ist halt Schauspiler. Von Natur aus und mit jeder Faser. "Ich glaube nicht", sagt Jeremy Irons, "dass James Dean so gut war wie Leo. Ich hoffe nur, unser Goldjunge kauft sich nie einen Porsche."

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