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Amica Interview - ca. 1996/97

 

Leonardo DiCaprio

das Wunderkind

Interview: Noel de Souza, Fotos: Firooz Zahedi

 

 

Er ist der beste Schauspieler seiner Generation. Jetzt spielt er die Rolle seines Lebens: Romeo.

 

Treffpunkt ist ein Café in der Melrose Avenue in Los Angeles. Punkt drei kreuzt eine Bande Jungs auf, tief in ein Gespräch verstrickt. Einer tritt von einem Fuß auf den anderen, wirft unruhig seine Haarsträhnen nach hinten, gestikuliert. Viel zu groß, viel zu dünn in seinen weiten Hosen und dem weißen T-Shirt, ein ungelenker Teenager, leicht hektisch, wie elektrisch aufgeladen. Schließlich verabschiedet er sich von seinen Freunden, betritt das Café und verwandelt sich mit einem kleinen Lächeln in einen anderen: in Leonardo DiDaprio, den talentiertesten Schauspieler seines Alters - er ist 22 - , den Jungen, um den sich ganz Hollywood reißt.

Daß Leo, wie er eben noch draußen auf der Straße hieß, überhaupt hier ist, grenzt an ein Wunder. Hier zum Interview, das ist das eine Wunder. Hier in Hollywood, das ist das andere, das größere. Denn mit seiner unkonventionellen Rollenauswahl und seiner Vorliebe für Filme, die einen schnellen Tod an der Kinokasse sterben ("Basketball Diaries" und "Total Eclipse"), ist er das, was das Filmgeschäft fein mit "nicht kommerziell bewährt" umschreibt. Glücklicherweise ist er viel zu gut, um in die Wüste geschickt zu werden. Als 17-jähriger spielte er Robert DeNiro und Ellen Barkin in "This Boy´s Life" an die Wand, mit 19 wurde er zum ersten Mal für den Oskar nominiert: für seinen mitreißend glücklichen Irren in "Gilbert Grape". Sharon Stone spendierte einen Teil ihrer Gage, um ihn als Partner für "Schneller als der Tod" anzuheuern, und schwor, sie würde ihn notfalls "im Huckepack zum Drehort tragen".

Es war nur eine Frage der Zeit, wann der erste Regisseur darauf kommen würde, diesen Wunderknaben als den berühmtesten Teenager aller Zeiten zu casten, als unglücklich liebenden Helden in "William Shakespeare´s Romeo und Julia". Der Australier Baz Luhrmann, gefeiert für seine durchgeknallte Tanzsal-Extravaganza "Strictly Ballroom", hat aus dem Klassiker ein schockmodernes, wahnwitziges MTV-Spektakel gemacht - das Elektrisierendste, was seit langen im Kino zu sehen war. Und möglicherweise der endgültige Durchbruch von DiCaprio.

AMICA: Sie haben mal gesagt, Sie würden auf keinen Fall "Romeo und Julia spielen, wenn Sie Strumpfhosen anziehen müßten. Was ist so schlimm an Ihren Beinen?

Leonardo: (lacht) Gar nichts. Ich wollte nur keine konventionelle Verfilmung. Warum sollte man sowas überhaupt noch machen? Wer was Klassisches sehen will, soll sich die Zeffirelli-Version aus der Videothek holen. Mich interesiert mehr die Idee von Regisseur Baz Luhrmann, das Stück für ein modernes Publikum zugänglich zu machen, für Leute meines Alters.

AMICA: Wie würden Sie diese neue Version beschreiben?

Leonardo: Hyperrealistisch. Eine Halluzination aus Religion, Hawaiihemden, Transvestiten und Pistolen. In einem lateinamerikanischen Ambiente. Und mit Dolce & Gabbana Anzügen.

AMICA: Oha. Hatten Sie da ein Wort mitzureden?

Leonardo: Aber ja. Wir haben viel herumexperimentiert. Baz war sich anfangs gar nicht sicher, wie der Film aussehen soll. Wir haben eine Woche lang in Ausstralien eine Art Kurzversion gedreht, mit improvisierten Kulissen. Ab da war ich wirklich Feuer und Flamme für das Projekt. Und für Baz: Dieser Typ ist absolut irre. Er hat eine Art, über Dinge neu nachzudenken, die man einfach erleben muß, um sie wirklich schätzen zu können. Vor allem dann inmitten des Chaos bei den Dreharbeiten, später in Mexiko: Wir waren alle nacheinander krank, ständig wurde gestreikt, in unserem Hotel gab es irgendwelche Morde, ein Crewmitglied wurde entführt. Es war Wahnsinn.

AMICA: Und Sie meinen, das Ergebnis dieses Wahnsinns kommt an?

Leonardo: Ich habe mit ein paar Freunden darüber gesprochen. Die wollen den Film nicht sehen, weil es "Romeo und Julia" ist, sondern wegen des Stylings. Mir war gar nicht klar, wie wichtig solche Dinge wie tolle Autos, Gewalt, Klamotten für meine Generation sind. Shakespeare´s "Romeo und Julia" ist wirklich eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich kenne. Jede Zeile Poesie. Das elisabethanische Englisch hat Baz übrigens beibehalten, wir sprechen es nur mit amerikanischen Akzent (lacht). Aber der Film funktioniert, und wie. Man ist nach zwei Minuten drin.

AMICA: Wer ist Romeo für Sie?

Leonardo: Ein Rebel. Gegen seine Familie, gegen die Gesellschaft, gegen den Haß, gegen alles, was seiner Liebe in den Weg kommt. Er heiratet seine Feindin, das ist doch unerhört. Ich dachte vorher immer, Romeo sei so ein romantischer Blümchentyp gewesen. Aber er ist wirklich verrückt vor Liebe, und nichts kann ihn aufhalten.

AMICA: Muß man schon mal geliebt haben, um Romeo spielen zu können?

Leonardo: Man muß überhaupt nichts erlebt haben, um irgendwas zu spielen, denke ich. Ich habe viele Rollen übernomen, die nicht das Geringste mit meinen Erfahrungen zu tun hatten. Ich bin auch nicht der Typ, der sich ewig vorbereitet und dann Tag und Nacht in seiner Rolle lebt. Das würde mich verrükt machen. Bei "action" fange ich an, bei "cut" höre ich auf, so einfach ist das. Mir ist mein Leben viel zu wichtig, um immer nur zu schauspielern.

AMICA: Es heißt, Sie seien eines der wildesten Partytiere von Los Angeles und auf dem besten Weg, River Phoenix ins Grab zu folgen.

Leonardo: Die Journalisten schreiben alles, was sich irgendwie verkauft. Und am besten verkauft sich der Skandal: Drogen, Sex und so weiter. Ich verstehe es ja, ich lese ja selbst am liebsten Geschichten über sowas. Bei mir ist das so, daß die Medien mich gern als jungen Verrückten hinstellen, außer Kontrolle und so.

AMICA: Nichts dran?

Leonardo: Na ja. Ich gehe schon in Clubs, muß dann aber schnell wieder raus, weil ich es nicht aushalte. Jeder will was vom mir, alle erzählen mir, was ich tun soll. Anstrengend.

AMICA: Finden Sie es auch anstrengend, berühmt zu sein?

Leonardo: Geht so. Es macht mir eigentlich nicht viel aus. Das Schlimmste ist, daß dir jemand die Hand schütteln und mit dir reden will, und damit habe ich kein Problem. Klar gibt es auch manchmal blöde ...... (abgeschnitten!) ... das ist ein verdammt niedriger Preis für den Job, den ich mache.

AMICA: Sie haben einen Film nach dem anderen gedreht, seit Sie 14 sind. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Leonardo: Glück. Ich hatte eine Menge davon, wirklich. Ich habe nie sehr kämpfen müssen, ich habe nie irgendeine Ausbildung gemacht. Ich weiß allerdings, daß ich eines Tages mal viel härter arbeiten muß als bisher.

AMICA: Sie haben sich bisher sehr auf Ihre Instinkte verlassen können. Haben Sie nie Angst, Ihr Talent zu verlieren?

Leonardo: Manchmal. Weil ich nicht weiß, was ich eigentlich genau gemacht habe in meinen bisherigen Rollen. Ich habe einfach nur getan, was sich richtig anfühlte, und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich glaube, vorläufig kriege ich das weiter so hin.

AMICA: Sie haben gerade mit Meryl Streep gedreht, wie war das denn?

Leonardo: Unglaublich. Sie kommt ins Zimmer, und jeder verstummt. Sie beherscht alles. Sie hat ihre sehr eigene Art zu spielen. Zum Beispiel macht sie so komische, irgendwie übertriebene Geräusche und Gesten, aber wenn man das dann hinterher im Film sieht, kommt das völlig natürlich rüber. In jeder Einstellung versucht sie was anderes. Ich hatte noch nie mit so jemandem gearbeitet und war ziemlich schockiert.

AMICA: Sie haben wie Johnny Depp und River Phoenix immer sehr ungewöhnliche Rollen .... (abgeschnitten!) ... sich jetzt mehr in Richtung Mainstream, Sie auch? Sie spielen die Hauptrolle im nächsten teuersten Film aller Zeiten: "Titanic".

Leonardo: Schauspieler sollten alle möglichen Rollen ausprobieren. Es ist immer ein Fehler, eine Nische zu finden und da zu bleiben. Das Filmgeschäft ist grausam. Niemand ermutigt dich, was Neues zu probieren.

AMICA: Aber sicher hat Ihr Agent Sie doch ermutigt, endlich mal in einem kommerziell einträglichen Projekt mitzuspielen ....

Leonardo: Ich hatte immer gewisse Vorurteile gegen Bigbudget-Filme, aber mir gefiel das Drehbuch, die Liebesgeschichte in "Titanic": Ein junger französischer Maler aus der dritten Klasse verliebt sich in ein Mädchen aus einer Luxuskabine: Ich habe mich gefragt, ob ich die Rolle annehmen würde, wenn es ein billiger Film wäre, und meine Antwort war ja. Also habe ich mich entschieden, meine Abneigung gegen Geld über Bord zu werfen (lacht).

AMICA: Wie sind Sie an den Namen Leonardo geraten? Ist der überhaupt echt?

Leonardo: Und ob. Meine Eltern sind durch Italien gereist, als meine Mutter mir mir schwanger war. Sie waren im Museum und haben sich gerade ein Bild von Leonardo da Vinci angeguckt, als meine Mutter einen starken Tritt von mir spürte. Sie fanden, das wäre ein Zeichen. Sie haben wohl gedacht, ich werde mal Maler. Mit dem Namen hatte ich übrigens immer Ärger. Ein früherer Agent fand ihn zu exotisch und wollte, daß ich mich Lenny Williams nenne (lacht). Kann man so was fassen?

 

 

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