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Queerview Berlin

INTERVIEW
BAZ LUHRMANN

 

Queerview: Welche Textversion von William Shakespeares Romeo & Julia haben Sie denn für das Drehbuch verwendet?

Baz Luhrmann: Wir gingen bis zur ersten Zitierung zurück. Der Text, den wir dann verwendeten, war die Arden-Version. Ich glaube, auf diese Version kann man sich am ehesten verlassen. Schließlich haben dann die Leute viele kleine Teile zusammengetragen, aus den einzelnen Bühnenfassungen. Der Text, den wir verwendeten, ist der genaue Elizabethanische Text, soweit man das für genau halten darf.

Queerview: Der Name von William Shakespeare steht auch im Titel des Filmes. Daraus läßt sich schließen, daß wir eine authentische, textgetreue, ungekürzte Version von Romeo & Julia zu sehen bekommen.

Baz Luhrmann: Das war ein einfacher technischer Trick. Ich wußte, daß der Film von einem Studio vertrieben wird, und da es sich um eine moderne Umsetzung handelt, war ich davon überzeugt, sie werden den Film in erster Linie so vermarkten, daß niemand auf die Idee käme, sie bekämen einen Text aus der Elizabethanischen Zeit zu hören. Unsere Textversion ist genauer als der von Zeffirelli. Die Produktion von Franco Zeffirelli ist unglaublich, ich will sein Werk keinesfalls schmälern, doch er hat Worte verändert. Er hat zusätzliche Dialoge eingefügt, das haben wir nicht getan. Unsere Version ist eine ungefähre Eindrittel-Fassung. Natürlich weiß keiner genau, wie Shakespeares originale Version lautete.

Weißt du, wir haben das Projekt begonnen, indem wir uns eine Frage gestellt haben: Wenn Shakespeare einen Film drehen würde, was für ein Film würde dabei entstehen? Wir haben nur wenig, wirklich wenig Informationen über Shakespeare, doch das ist Fakt: Sein Publikum bestand aus 3000, größtenteils betrunkenen, Menschen. Auch das ist ein Fakt: Er mußte alle ansprechen, den Straßenfeger genauso wie die englische Königin. Sein Umfeld war das Theater, die Prostitution, das Wetten usw. Außerdem wissen wir auch, daß man damals Shakespeare für einen ungebildeten, nicht lateinisch sprechenden, unbekannten Autor hielt. Er hat seine Aufmerksamkeit also absolut auf sein Publikum gerichtet. Wir haben angefangen, indem wir den Ansatz wagten: Laßt uns etwas zusammentragen, das sich aus der Shakespeares Arbeit am Globe-Theater entnehmen läßt. Und es ist Fakt, ein absoluter Fakt, daß das Theater der Elizabethanischen Zeit nichts mit den mucksmäuschenstillen Räumen zu tun hat, in denen alle nur sitzen und schweigen. So etwas gab es damals nicht.

Der moderne, visuelle Stil ergab sich dann erst als der zweiten Überlegung: Wie hat Shakespeare seine Stücke inszeniert, wie sahen die Bühnen zu der Zeit aus: Und dann übersetzen wir das in eine filmkünstliche Sprache.

Queerview: Der Film wurde in Mexiko gedreht.

Baz Luhrmann: Nicht Mexiko ist der Ort, an dem der Film spielt, sondern Verona Beach. Verona Beach ist eine genaue Analyse der Elizabethanischen Welt. Es spiegelt die soziale, wirtschaftliche Realität. Religion und Politik waren eng verknüpft. Jeder trug Waffen mit sich. All das haben wir in die visuelle Sprache des 20ten Jahrhunderts übersetzt. Wir klauten uns von überall Bilder, wir schuffen uns eine Phantasiewelt, eine Phantasiestadt, und die nannten wir Verona Beach. Es stellte sich heraus, daß diese ein wenig den Geschmack von Südamerika besitzt. Ja, ein bißchen ist diese Stadt Miami, ein wenig Los Angeles, sie ähnelt all diesen Orten, denn wir verwendeten die dominierende, im Fernsehen existierende Kultur, und diese wird von der amerikanischen Kultur repräsentiert. Wir drehten in Mexico City. Das war eine finanzielle Entscheidung, aber wir hatten auch ein ähnliches Lebensgefühl wie in unserem Verona Beach.

Queerview: Allgemein sagt man, dies sei die Romeo & Julia-Version der MTV-Generation.

Baz Luhrmann: Stimmt, aber es ist interessant, daß alles, was wir verwendet haben, unmittelbar aus der Analyse der Elizabethanischen Bühne entstanden ist. Zum Beispiel der Ekletizismus. Es ist ein Fakt, daß Shakespeare die Stand Up-Komödie verwendet hat. Dann benutzte er einen Pop-Song, das heißt, einen populären Schlager, direkt im Anschluß folgte Tragödie und Gewalt. Er brachte diese überlegten Sprünge, genau das haben wir filmisch umgesetzt. Wir verwendeten Tricks. Es ist der Elizabethanischen Zeit entsprechend, daß das Publikum ununterbrochen stimuliert wird.

Nun, es interessiert mich nicht, wenn jemand sagt, er versteht meinen Film nicht, das wäre immerhin ehrlich, aber wenn man mir damit kommt, daß dies nur ein langer, mächtiger Videoclip ist..., also ich garantiere dir, daß diese Kritiker eh nicht wissen, worum es bei MTV geht. Mein Film ähnelt eher einer indischen Produktion. Er ist unmittelbar mit dem Publikum in Verbindung, ist direkt und ehrlich.

Queerview: Welchen visuellen Eindruck hattest du von dem Stück, als du Romeo & Julia in deiner Jugend zum ersten Mal gelesen hast?

Baz Luhrmann: Als Kind habe ich Shakespeare nicht gelesen. Im Gegenteil, ich hasste Shakespeare eher. Ich erinnere mich, ich las Den Kaufmann von Venedig mit zwölf Jahren. Ich dachte, ich werde den Text nicht verstehen, solange ich lebe. Und ich legte ihn beiseite. Dann sah ich eine unvergeßliche Produktion von Wie es euch gefällt. Es war eine phantastische Story, ich verstand sie, unglaublich. Dann kam ich auf die Dramaschool, die Universität, und ich koproduzierte Romeo & Julia. Ich erinnere mich, ich war total von den Socken, als ich entdeckte, daß Romeo gar nicht der Typ ist, der mit dem Kopf in den Wolken und an einer Rose riechend auf und ab marschierte. Romeo war sogar ein sehr komplexer „rebell without a cause", ein junger Mann, der verliebt ist und fühlt, daß er verliebt ist. Er wendet sich gegen die Werte der Eltern. Die Liebe macht ihn verrückt, und er wird noch verrückter. Das lernte ich daraus, das blieb mir. Nun haben wir diese Version geschaffen, doch wir durchliefen eine lange Recherche.

Queerview: Die Schauspieler sprechen den Text mit einem amerikanischen Akzent.

Baz Luhrmann: Shakespeare hat den amerikanischen Akzent benutzt, nicht ich. Die Sprache der Elizabethanischen Zeit ähnelt eher diesem Akzent. Die Amerikaner sprechen altes Englisch.

Queerview: Der Film ist sehr, sehr schnell. Es ist schwer dem Text zu folgen, und auch die vielen visuellen Details entdeckt man eher erst, wenn man den Film öfters sieht.

Baz Luhrmann: Du hast recht, wahrscheinlich ist es tatsächlich der Fall, daß sich dieser Film zum öfteren Ansehen eignet. Nun, aber das macht sich dann gut am Boxoffice. Beabsichtig ist es aber nicht.

Queerview: Wenn man dem Stück folgt, dann macht einem das Ende, also so wie es endet, nervös. Die Auflösung beruht auf einem dummen Mißverständnis, was die Tragödie abschwächt. Wie steht du dazu?

Baz Luhrmann: Stimmt, zum einen: Shakespeare hat die ganze Story von einer italiensichen Kurzgeschichte geklaut, und sie ist absoluter Quatsch. Doch zum anderen: Shakespeares Gesichtpunkt ist, wir sind alle nur Narren unseres Schicksals. Schau, die Tragödie entsteht, weil wir in einer Welt des indoktrinierten Hasses leben. Man sagt den Kindern, wen sie hassen sollen. Und wenn sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind, dann sterben sie. Man muß nicht groß darüber nachgrübeln, um eine Stadt zu finden, in denen zwei Jugendliche aus religösen Gründen sich nicht lieben dürfen, man braucht sich nicht lange den Kopf darüber zerbrechen, um einen Ort zu finden, wo zwei sich wegen ihrer Hautfarbe, oder ihrer Sexualität nicht lieben dürfen. Wir erzählen diese Geschichte, weil diese Geschichte geschieht. Die Auflösung war eine Heidenarbeit, und ja, es stimmt, das Stück ist simpel, aber niemand kann Shakespeare übertreffen, was seine Charakterisierung mit Hilfe der Sprache betrifft.

Queerview: Fünf Jahre sind seit Strictly Ballroom vergangen.

Baz Luhrmann: Wir sind keine Filmemacher. Ich glaube jedenfalls nicht, daß wir das sind. Wir übernehmen keinen Job, uns kann man nicht kaufen. Auch hier in Berlin wird ein Film gezeigt, den man mir angeboten hatte. Doch wir entscheiden, was unser Leben lebenswerter, interessanter macht, was die Herausforderungen sind, die uns lebendig werden lassen. Darum arbeiten wir an Opern, darum haben wir an einer Wahlkampangne (Luhrmann und sein Stab leitete die Reklamekampange des australischen Premiers Paul Keating.) gearbeitet.

Queerview: Wie arbeitet das Team, so daß am Ende, doch wieder ein Film mit dem Prädikat „der neue Baz Luhrmann-Film" entsteht?

Baz Luhrmann: Ich bin der Kapitän. Ich bringe die Ideen ein. Die Zusammenarbeit ist sehr eng. Wir besprechen die Ideen, doch dann rutscht jeder in seine traditionelle Rolle zurück. Ich schreibe, produziere und ich führe Regie. Ich spreche nur immer in der Mehrzahl, damit ich die anderen, zum Beispiel Martin Brown, der Ko-Produzent, oder Catherine Martin, die Produktionsdesignerin, ein wenig in den Vordergrund stellen kann, denn in diesem Business geht die Anerkennung von ihnen in der Regel verloren.

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